April 2025

KI in Ketten? Verantwortung übernehmen statt Pseudo-Regulierung schaffen 

  • Ob Dampfkessel oder Künstliche Intelligenz: Neue Technologien benötigen seit jeher Regelwerke mitsamt entsprechender Prüfung durch neutrale fachkundige Dritte 
  • Europa sollte sich auf eigene Stärken besinnen, Verantwortung übernehmen und eine wertebasierte Regulierung vorantreiben 
  • Wir beteiligen uns an der Entwicklung smarter Prüfwerkzeuge und bereiten uns auf die Rolle als neutraler Dritter vor 
Jede neue Technologie erfordert bestimmte Regelwerke, damit sie den Menschen nutzt und nicht schadet – plus neutrale Dritte, die darauf achten, dass diese Regeln eingehalten werden. Das galt für die Dampfkessel der industriellen Revolution, die erst durch die Gründung des Technischen Überwachungsvereins vor gut 150 Jahren zu sicheren Arbeitsmitteln wurden. Es gilt heute für das Internet der Dinge, das nur dank Cybersecurity-Maßnahmen nachhaltigen Nutzen bringen kann. Und es gilt künftig in vielleicht noch größerem Ausmaß für Technologien auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI). 

Aber lässt sich KI überhaupt regulieren? Kann sie sich in regulatorischen Grenzen kreativ entfalten? Worauf müsste eine sinnvolle Regulierung beruhen? Diese Fragen warf Dr. Karl Obermair, unser Direktor Future Mobility Solutions und Entwicklungschef neuer Mobilitätsdienstleistungen rund um autonomes Fahren, in seinem Vortrag auf der Automobilwoche Konferenz 2025 auf – und gab überraschende Antworten. 


Feuer, Maschinen, Internet – mit KI kommt die nächste Disruption 

Dabei zog Obermair eine interessante Parallele zur griechischen Mythologie: Prometheus brachte den Menschen das Feuer – im übertragenen Sinne also einen massiven Erkenntnisgewinn wie heute die Künstliche Intelligenz. Die Götter bestraften ihn dafür, indem sie ihn an einen Felsen schmiedeten. Müssen wir auch die KI in Ketten legen?  
„Sollte nicht gerade die Angst vor den Folgen der Technologie dazu führen, Verantwortung zu übernehmen?“

Dr. Karl Obermair
Direktor Future Mobility Solutions bei TÜV Rheinland
Feuer legte den Grundstein für die Entwicklung des Menschen. Wir wissen nicht, wie schnell sich das Wissen um die Zähmung des Feuers um die Welt verbreitete. Für die KI sind solche Zahlen bekannt: Die Wachstumsraten liegen bei über 20 Prozent pro Jahr, das Marktvolumen 2023 wird auf 2,5 Billionen Euro geschätzt. Allerdings sind Investitionsvolumen und Nutzung in den Weltregionen ungleich verteilt: Gegenüber den Zahlen aus USA und China nimmt sich das europäische Engagement für KI sehr bescheiden aus, so der Befund von Dr. Karl Obermair. Und noch eines ist ungleich: USA und China werden KI eher deregulieren, Europa wählt auch bei dieser Technologie einen vorsichtigen Ansatz.
Wirksame KI-Regulierung erfordert politischen Willen, smarte Instrumente und einen neutralen Dritten 

Denn genau wie das Feuer kann KI ebenso segensreich wie zerstörerisch wirken. Zumindest in Europa ist es deshalb weitgehend Konsens, dass sie, wenn nicht in Ketten, so doch an die Leine gelegt werden sollte. 
„Was benötigen wir und wo stehen wir?“

Das fragte Dr. Karl Obermair sein Publikum aus allen Bereichen der Automotive-Branche. Seine Antworten: 

  • Erstens eine politische Willensbildung – die Obermair derzeit als zu langsam, kleinteilig, bürokratisch und intransparent bewertet 
  • Zweitens eine Wertebasis, denn ohne Wertebezug greift keine Regulierung. Im europäischen AI Act sind Werte wie Sicherheit, Datenschutz, Gleichheit, Inklusion etc. klar angesprochen. „Doch dieses Wertefundament bröckelt“, fürchtet Karl Obermair. 
  • Drittens smarte Instrumente/Algorithmen. Das TÜV AI.Lab testet bereits erfolgreich erste Prüfansätze. 
  • Viertens einen neutralen Dritten, der diese Instrumente anwendet, um KI-Anwendungen zu bewerten und zu überwachen. Hier lautet unser Ziel, uns als führende Prüf- und Zertifizierungsorganisation für KI-Anwendungen zu positionieren.  
Gut gedacht, schlecht gemacht? Bitte keine Pseudo-Regulierung 

Also alles klar auf dem Weg zu effizienter KI-Regulierung? Alles andere als das, warnt Dr. Karl Obermair. Werden die genannten Voraussetzungen nicht beachtet, gibt es genügend Risiken, die zu einer dysfunktionalen Regulierung führen. Für die schlimmste – und zugleich wahrscheinlichste – Variante hält er dabei die Pseudo-Regulierung. „Man tut so, als hätte man die Technologie in bester Absicht und zum Wohle der Menschheit an die Kette gelegt“, führte er aus. Und beschrieb die Folgen wiederum am Beispiel des Prometheus: „In Wahrheit greift die Regulierung gar nicht, der Felsen ist aus Pappmaché, die Ketten aus Plastik … Gut gemeint, aber schlecht gemacht.“ 

Den Vertreter:innen der überwiegend europäischen Unternehmen bei der Automobilwoche Konferenz stellte er abschließend die Frage, in welchem Europa wir leben wollen: Fürchten wir Wettbewerbsnachteile durch Regulierung oder wollen wir die damit verbundene Sicherheit? „Was trauen wir uns zu, wovor haben wir Angst? Und sollte nicht gerade diese unbestimmte Angst vor den noch unbekannten Folgen der Technologie der Ausgangspunkt dafür sein, entschlossen dem universellen Prinzip der Verantwortung zu folgen?“ 
Für weitere Informationen zu dem Thema stehen Ihnen unsere Expert:innen jederzeit gerne zur Verfügung! Schreiben Sie uns eine Mail mit dem Betreff „KI-Regulierung“. 
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